Unser Kirchentagebuch 70

Seid gütig, wenn ihr könnt!

 

Der heutige Tagebucheintrag ist von:
Pfarrer Rolf Glaser

Mittwoch, 27. Mai 2020

Seid gütig, wenn ihr könnt!

Heute, Dienstag, der 26. Mai, schreibe ich das Tagebuch für den morgigen Tag – und bleibe doch beim heutige Tagesheiligen hängen: Phillip Neri, der Narr Gottes. Der nicht gerade für übergroße Frömmigkeit bekannt J.W. Goethe entdeckte ihn auf seiner Italienreise und machte ihn zu seinem „Lieblingsheilgen“. Er war einer der großen Gestalten der Gegenreformation und verhalf der tief im Sumpf von Intrigen, Macht und Unmoral steckenden römischen Kirche zu neuer Glaubwürdigkeit. Luigi Magni setzte ihm 1983 in seinem Film „Himmel und Hölle“ ein kulturelles Denkmal. Angelo Branduardi übernimmt darin eine sängerische Hauptrolle.

Phillip Neri wird am 23. Juli in Florenz geboren. Er macht bei seinem kinderlosen Onkel eine Kaufmannslehre und soll einst dessen Erbe antreten. Stattdessen begibt er sich nach Rom, ist dort zunächst völlig mittellos und verdient seinen Unterhalt als Hauslehrer bei einem florentinischen Adligen. Soweit es seine Zeit erlaubt, beginnt er  mit der Pflege von Kranken in Spitäler und kümmert sich um die Straßenjugend. So wird er zum ersten „streetworker“ der Kirche (alles schon einmal da gewesen!). Mit 36 Jahren lässt er sich auf Drängen seines Beichtvaters zum Priester weihen. Halb Rom erwählt ihn zum Beichtvater!  Er gründet die Bruderschaft der hl. Dreifaltigkeit, die sich um kranke Pilger kümmert. Um ihn herum bildet sich in S. Girolamo eine Gemeinschaft, die er „Oratorium“ nennt. Das ist die Keimzelle des Ordens der Oratorianer, die auch bei uns im Frankfurter Oratorium segensreich wirkten, welches es auch heute noch gibt. Dazu gehörte Pfarrer Karl Pehl, der Begründer der Telefonseelsorge und Mitbegründer des „Hauses der Volksarbeit“, in dessen Vorstand ich heute mitarbeiten darf. Dazu gehörte Ferdinand Krenzer, der Begründer der „katholischen Glaubensinformation“(KGI). Dazu gehörte Walter Kropp, der langjährige Chef des kirchenmusikalischen Amtes, der vor kurzem mit über 100 Jahren verstarb, ebenso wie der Studentenpfarrer Ottmar Desshauer, der Rundfunk- und Fernsehpfarrer Alfons Kirchgässner, der Berufsschulpfarrer Hermann Schlachter. Allesamt hinterließen sie ihre Spuren in der Frankfurter Stadtkirche. Nicht vergessen wollen wir den längsten Stadtdekan aller Zeiten, Raban Tilmann!

Das zeigt welche Wirkungen Philipp Neri bis heute erzielte und erzielt!

Nachdem er anfangs mit harten Widerständen kämpfen musste, stand er aufgrund seiner Erfolge in der Gefahr, Opfer dieses Erfolgs zu werden. Man trug ihm die höchsten Würden und Ämter an. Da erdachte er sich eine merkwürdige Waffe zur Abwehr: Er machte sich zum Narren! Er wanderte mit halb rasiertem Bart durch die Stadt oder las aus einem Buch für ABC-Schützen vor. Um den Ruf seiner Armut zu zerstören, wandelte er in einem kostbaren Pelz umher oder er trug ein für einen Priester anstößig unpassendes knallrotes Hemd. Reinhard Raffalt schreibt über ihn: „ Er ist der lachende Heilige, der seinen jugendlichen Zuhörern die merkwürdigsten Witze erzählte, der sich sobald es um seine mystische Gottesnähe ernst wurde, in die verfallenen Schlupfwinkel der Katakomben verkroch, aus denen er dann wieder strahlend, lebensfreudig  und von schallendem Gelächter begleitet, hervorkam. Diesem berühmten Mann verdanken wir es, dass in der katholischen Welt, auch nach den Erschütterungen der Reformation, die Freude an der Schöpfung und am hl. Geist durch die Erfahrung menschlicher Trübsal und Sündhaftigkeit keinen Schaden erlitt.“

Sein Wahlspruch übrigens: „Seid gütig, wenn ihr könnt!“ Versuchen wir’s doch auch mal wieder!

Ihr Pfarrer Rolf Glaser

 

Bitte,
denken sie auch an die Menschen in ihrer Umgebung, die nicht über einen Internetzugang verfügen und drucken sie das Kirchentagebuch aus und werfen es ihren Nachbarn, Freunden und Bekannte bei einem kleinen Spaziergang in den Briefkasten!
Vielen Dank

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