Unser Kirchentagebuch 15

Der heutige Tagebucheintrag ist von:
Pfarrer Rolf Glaser

Donnerstag, 2. April 2020

 

Der 2. April! Es ist der Geburtstag meiner schon lange verstorbenen Großmutter Maria Glaser („die Marie-Mame“), die in Landstuhl in der Pfalz lebte und – manche kennen meine Erzählungen! – ein wahres Original war. Erinnerung an eine gütige – manchmal leider zu gütige – einfache Frau ohne große Ansprüche. Für mich eine herzensgute Oma, bei der ich Zuflucht finden konnte. Mit 14 war sie vor ihrer sprichwörtlich bösen Stiefmutter geflohen (die Mutter war in jungen Jahren gestorben) und bei einem Bauern in Landstuhl in Stellung gegangen. Mit 16 heirate sie meinen Großvater! Sie hatten drei Kinder. Sie erwarben einen unfruchtbaren Acker und wandelten ihn über Jahrzehnte hinweg in einen schönen großen Garten um. Während Opa Fritz in der großen Wirtschaftskrise 1929 arbeitslos war, bauten sie sich auf diesem Acker ein kleines Selfmade-Haus, errichtet aus Bruchsteinen aus den Landstuhler Steinbrüchen (Deckenhöhe: 1,80). Beim Polenfeldzug musste mein Opa – zum zweiten Mal! – in den Krieg und erlitt einen doppelten Schädelbruch. Positiv: Er konnte nach Haus zurück! Negativ: Durch die Folgen der Verletzung wurde er zu einem mürrischen Mann, der seiner Frau mitunter das Leben schwer machen konnte.- In späteren Jahren half die Oma ihrer ältesten Tochter, nach deren Tod meinem Cousin, beim Verkauf in der Bäckerei. Von früh bis spät stand sie mit ihren Krampfader-Beinen hinter der Ladentheke. Dass tat sie bis zum 75. Lebensjahr. Mit 80 Jahren verstarb sie an einem Herzschlag.

Eine Frau aus dem Volke! In wie vielen meiner Beerdigungspredigten finden sich ähnliche Biographien! Was können sie uns in dieser Krise sagen? Mir sagen sie:  Noch nie war das Leben ein Kinderspiel! Immer war es ein Wagnis und wollte bewältigt werden. Und die Altvorderen zeigen uns, wie sie es unter schwierigen Bedingungen und vielfachen Gefährdungen gemacht haben – sicher mit allen Fehlern und Schwächen – und dass man es schaffen kann! Dass man Krisen meistern kann!

Eine Frau aus dem Volke! Am letzten Sonntag war der sogenannte „Misereor-Sonntag“. „Misereor super turbam“! Mich erbarmt des Volkes“ (Mk 8,2) ruft Jesus vor der Speisung der Viertausend! Der Blick auf die Altvorderen kann uns vor einer Blickverengung in der gegenwärtigen Krise bewahren. Gewiss haben wir unsere eigenen Ängste und Befürchtungen. Die dürfen wir zulassen! Darüber sollten wir aber all die nicht vergessen, die weit schlimmer daran sind als wir selbst. Nicht nur Sorge ums Klopapier! Vielmehr auch Sorge um all die Kleinen in den Slums und Favelas und Flüchtlingslagern dieser Welt, ohne sauberes Wasser, ohne Schutzmöglichkeiten, ohne ärztliche Versorgung, der Seuche hilflos ausgeliefert, ebenso häufig ihren korrupten Politikern.

Was können wir tun? Nicht zuletzt: Das Hilfswerk Misereor hilft mit unserer Spende! Durch den Ausfall der Misereor – Kollekte in den Sonntagsgottesdiensten ist es dringend darauf angewiesen! Ein Weg zu den Menschen! Zu den kleinen Leuten! Zum weltweiten Volk Gottes! Auch ein Weg aus der Krise!

Ihr Pfarrer Rolf Glaser

Bitte denken sie auch an die Menschen in ihrer Umgebung, die nicht über einen Internetzugang verfügen und drucken sie das Kirchentagebuch aus und werfen es ihren Nachbarn, Freunden und Bekannte bei einem kleinen Spaziergang in den Briefkasten!
Vielen Dank

3 Gedanken zu „Unser Kirchentagebuch 15

  1. Guten Morgen lieber Pfarrer,
    danke für die Gedanken und Worte, den Zuspruch am Morgen.
    Ich denke so oft: kein Leben ist einfach. Jeder hat sein Schicksal.
    Zur Zeit trifft uns alle das Virus als gemeinsames Schicksal.
    Schön, dass wir nicht nur im Gebet, sondern auch durch dieses
    Tagebuch miteinander verbunden sind. Mit Gottes Hilfe werden
    wir gemeinsam diese Krise bewältigen.
    Moni

  2. Deine Geschichten über deine Oma, haben auch mich an meine Oma erinnert, die ich sehr geliebt habe und die viel zu früh, mit nur 59 Jahren verstarb – auch in Folge eines schweren und entbehrungsreichen Lebens. Ich habe sie immer fröhlich und nie schlecht gelaunt erlebt, in Sorge um ihre Lieben und ihre Tiere und unerschütterlich im Glauben. Sie war mir Halt und Hilfe in einer nicht ganz einfachen Kindheit und ich bin immer noch voller Dankbarkeit.
    Ja, die Krisen, die diese Generation erlebt hat, sind mit der momentanen nicht zu vergleichen, aber ihre Haltung kann uns ein Beispiel geben.
    Ich habe gestern ein Gedicht gehört, dass uns sagt, wie gut es uns trotz allem geht, wir haben Heizung, Strom und fließendes Wasser. Das Dach ist dicht, wir können alles einkaufen, was nötig ist, haben medizinische Versorgung, der Müll wird abgeholt, etc und die meisten von uns sind auch nicht von dem Virus direkt betroffen.
    Da gilt es wirklich dankbar zu sein und wie du schreibst, an die zu denken, denen es weitaus schlechter geht, als uns zurzeit.
    Herzliche Grüße, Martina

  3. Mich bedrückt die Situation der Menschen in den Flüchtlingslagern, wie z.B. in Moria und anderswo, sehr. Obwohl Menschen und Länder helfen wollen, wird dies verhindert. Das ist entsetzlich. Ebenso entsetzlich ist die Lage der Menschen in den Favelas und Slums. Dieses Leid bestand schon vor der Pandemie, und wir – die reichen Länder – haben unseren Anteil daran. Das Leid, das Menschen derzeit weltweit durch Covid-19 erfahren, ist ebenfalls schlimm.

    In Notzeiten zeigt sich leider bei einigen der Egoismus, aber bei den meisten wächst die Solidarität. Und auch die Kreativität und das Improvisationstalent erfahren einen Zuwachs. Neue Ideen werden entwickelt und sehr schnell umgesetzt, um den Beschränkungen in der Krise zu begegnen. Das Denken wird neu. Dadurch entstehen neue Lösungsmöglichkeiten und neue Wege zueinander. Wir sind so sehr verbunden trotz aller physischen Distanz! Ein Beispiel hierfür ist dieses Kirchentagebuch. Das berührt mich sehr. Und ich hoffe, dass einiges davon bleiben wird.

    Dieser Überlebenswille, die Solidarität und die Tatkraft vieler Menschen machen Mut, selbst einen Beitrag zu leisten. Deine Oma, lieber Rolf, und viele andere ihrer Generation sind uns hier Vorbilder. Misereor unterstützt dort, wo die Armut am größten ist, durch Hilfe zur Selbsthilfe, – auch jetzt, inmitten der Pandemie. „Vergiss die Armen nicht!“, sagte Kardinal Hummes aus São Paolo zu Jorge Bergoglio bei dessen Wahl zum Papst.

    „Er umarmte, küsste mich und sagte mir: ‚Vergiss die Armen nicht!‘ Und da setzte sich dieses Wort in mir fest: die Armen, die Armen.“ (Papst Franziskus)

    Barbara

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