Unser Kirchentagebuch 54

 

 

Der heutige Tagebucheintrag ist von:
Harald Stuntebeck, Pastoralreferent

Montag, 11. Mai 2020

Mit Fassungslosigkeit habe ich die Artikel gelesen, dass sich Menschen zu großen Demonstrationen gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Berlin und in anderen Städten  zusammenfanden.

Was ist passiert mit den Menschen, die in den letzten Monaten durch ihr vorbildliches Verhalten dazu beitrugen, dass viele Länder bestaunen, wie es in Deutschland gelungen ist die Pandemie zu bekämpfen.

Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland so gut gelungen ist, dass die wenigsten von uns  Menschen kennen, die erkrankt oder gestorben sind. Die Lockerung der Maßnahmen bestärkt darüber hinaus den Eindruck, dass alles gar nicht so schlimm sein kann… Und vermutlich entsteht durch die isolierenden Maßnahmen auch ein Druck, der nun irgendwo zu entweichen sucht.

Aus der Heimatstadt meiner Frau in Brasilien hören wir ganz andere Nachrichten. Alleine wir kennen drei Freunde, die erkrankt sind. Eine Freundin sagte uns: „Das ist eine erschreckende Krankheit,… es bleibt Dir einfach der Atem weg!“ Vier Wochen dauerte es, bis sie wieder einigermaßen auf den Beinen war, dabei eine Zeit im Krankenhaus. Das sind die Auswirkungen in einem Land, in dem der Präsident Jair Bolsonaro die Wirtschaftskraft über das Volkswohl setzt.

Ein Blick nach Brasilien machte uns bewusst, wie es auch bei uns sein könnte, wenn die Solidarität der nicht so stark gefährdeten Gruppen mit den sogenannten „Risikogruppen“ nicht mehr da ist.

Schauen wir uns um, in die Länder, die den Zeitpunkt verpasst haben, um ihre Menschen besser zu schützen, schauen wir in die Vereinigten Staate, nach New York, nach Italien, nach Brasilien,…

Vielleicht gibt das uns die Kraft weiter durchzuhalten und auch die zu bestärken, die am Rande ihrer Kräfte und ihrer Geduld sind.

Auch der Blick in die Bibel, das Lesen eines guten Buches, das Telefonat mit einem/er guten Freund/in, das Aufsuchen von Jesus im Gebet kann uns helfen, das Aufrechthalten unserer Verbundenheit miteinander.

Vielleicht können wir darin etwas von der Erfahrung machen, von der Frére Roger Schütz schreibt:

„Wenn diese Gemeinschaft die die Kirche ist, zur Klarheit findet, indem sie zu lieben und zu verzeihen sucht, lässt sie Wirklichkeiten des Evangeliums in Frühlingshafter Frische durchscheinen…“

(aus: Frére Roger, Taizé, Einfach vertrauen, 2004)

Ich wünsche Ihnen die Erfahrung dieses Frühlings und uns allen viel Kraft und Gottes begleitende Nähe in dieser Zeit

Ihr/Euer
Harald Stuntebeck

2 Gedanken zu „Unser Kirchentagebuch 54

  1. Lieber Harald,
    danke! Leider gehen „unsere eigenen Leute“, allen voran Kardinal Müller, mit schlechtem Beispiel voran, indem sie in Bezug auf Corona davon sprechen, die Pandemie werde „von dubiösen Mächten instrumentalisiert… um eine Weltregierung zu schaffen, die sich jeder Kontrolle entzieht“. (FAZ vom 11. 05. 20). Und leider folgen ihnen konservative Katholiken in dieser Auffassung und tragen so zu den Missständen, die Du beschreibst bei. Wer gebietet dieser Unverantwortlichkeit von höchsten Würdenträgern Einhalt?
    Viele Grüße
    Rolf Glaser

  2. Danke auch von meiner Seite! Ich bin ebenso fassungslos. In den sozialen Medien widersprechen viele Christ*innen den vorschnellen Lockerungen und auch dem Verschwörungsirrsinn.

    Wenigstens kam ein allerdings ausgesprochen knapper Widerspruch von deutscher kirchenoffizieller Seite gegen den Aufruf von Erzbischof Vigano vom 8. Mai 2020 in Sachen Corona-Pandemie, den auch die Kardinäle Müller und Zen Ze-kiun sowie andere unterschrieben haben.

    Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, erklärte zum Aufruf dieser Kardinäle und Bischöfe aus der Weltkirche :

    „Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands.
    Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet.“

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