Bibel aktuell 13. Mai 2020

„Bibel aktuell“ – Gedanken zum Buch Deuteronomium

Auch der monatliche Bibelabend „Bibel aktuell“ kann in dieser Zeit leider nicht stattfinden. Herr Schmidt – der zu den Initiatoren dieses Kreises gehört, schreibt über seine Gedanken zu dem Schrifttext, der heute Abend das Thema gewesen wäre.

Bibel aktuell Mai 2020
Da wir aus den  bekannten Gründen nicht zusammen kommen können, möchten wir Ihnen/Euch einige Informationen zum Thema anbieten.

Das 5. Buch Mose (Deuteronomium)
Das 6. Kapitel des Buches Deuteronomium leitet die Reden des Mose ein, die um die Beziehung Israels mit JHWH kreisen.

V 4-9

  • Höre, Israel, JHWH ist unser Gott, JHWH einzig!
  • Du wirst also lieben JHWH, deinen Gott, mit all deinem Herzen und mit all deiner Seele und mit all deiner Intensität!
  • Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, werden auf deinem Herzen sein.
  • Und du wirst sie für deine Kinder wiederholen und sie murmeln, wenn du zu Hause sitzt, wenn du unterwegs gehst, und wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst.
  • Und du wirst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie werden als Diadem zwischen deinen Augen sein.
  • Und du wirst sie auf die Türpfosten deines Hauses schreiben und an deine Tore.

Diese Passage ist ein Grundbekenntnis des Judentums, das Juden traditionell täglich beim Gebet rezitieren.  Die Passage besteht aus zwei Hauptabschnitten, deren erster von Israels Beziehung mit Gott handelt (v.4-5), der zweite von Israels Beziehung zu „diesen Worten“. Hier wird das Herz des Menschen angesprochen.  Wie Gott mit ganzem Herzen zu lieben ist, so sollen auch „diese Worte“ in Israels Herz sein. Diese Worte sollen mündlich rezitiert und vermittelt werden, aber auch symbolisch materiell präsent sein – am Körper und an den architektonischen Schwellenzonen von Wohnbereichen.

Die unmittelbare Verbindung der Gottesliebe mit der Liebe zum Wort ist typisch für das Deuteronomium und auch für das Judentum. Es ist deshalb auch von Wichtigkeit, dass dieser Text mit dem Aufruf zu hören beginnt: „Schma Jisrael! Höre, Israel!“ Im Hören gewinnt Israel seine Identität.

Ursprünglich sollte der Vers wohl die Bundesbeziehung Israels mit JHWH formulieren, „JHWH ist unser Gott“, und betonen, dass allein diese Beziehung für Israel zu pflegen sei, „JHWH allein“. Damit ist noch nicht gesagt, dass es keine anderen Götter gäbe. In der Antike war im Bewusstsein der Menschen verankert, dass hunderte, tausende Götter existierten und überall verehrt wurden. Wer konnte schon alle kennen?

Es war schon ein unerhörter Schritt, religiöse Verehrung auf einen einzigen Gott zu reduzieren. Viele wollten doch lieber auf Nummer Sicher gehen und andere Götter, wie etwa die Himmelskönigin, zu verehren. Völlig irrsinnig war in Augen antiker Menschen zu behaupten, es gäbe überhaupt nur einen einzigen Gott. Dieser Gedanke wurde erst spät aufgebracht, in der zweiten Hälfte des 6. Jh vor Chr. Er sollte die Welt für immer verändern. Unter diesem Vorzeichen klingt auch das Schma Jisrael neu. Es lässt sich nun als monotheistische Botschaft lesen.

Eines der Merkmale dieses Buches ist, dass es eine Liebestheologie entwickelt. Die neutestamentliche Liebestheologie stammt vor allem aus diesem Buch. Die Liebe ist wechselseitig. Zuerst hat Gott Israel geliebt. Es geht Mose hier nicht darum, Liebe zu befehlen, was unmöglich ist. Er setzt voraus, dass Israel seinen Gott überhaupt nur zurück lieben kann. Es geht darum, wie Gott zu lieben.

„Mit all deinem Herzen und all deiner Seele“, zwei grundlegende Begriffe des biblischen Menschenbildes. Das Herz ist dabei weniger mit romantischen Gefühlen verbunden, als es in unseren modernen Ohren klingen mag. Im biblischen Menschenbild kommen im Herzen viel mehr alle psychischen, emotionalen und geistigen Kräfte zusammen: Das Denken, der Verstand, das Fühlen, das Wollen, der Mut. Auch die „Seele“ ist nicht als geistiges Prinzip zu verstehen, das beim Tod dem Körper entwischt. Vielmehr bedeutet es Sitz des Lebens.

Der 3. Begriff ist dagegen sehr selten. Er wird oft übersetzt mit „Kraft“ oder „Intensität“. Im späteren hebräischen Sprachgebrauch kann es auch materiell Fülle oder Reichtum bedeuten. Es geht nicht um mönchische Weltentrückung, sondern um die alltägliche Lebenswelt. Vor diesem Hintergrund kann sich die menschliche Liebe mit der Gottesliebe vergleichen.

Schma Jisrael zeigt, dass die Glaubensethik des Jesus von Nazareth zutiefst jüdisch war. Deshalb ist das Christentum nicht getrennt vom Judentum zu sehen. Das „Murmeln“ der Worte bedeutet das, was mit der mönchischen Übung der Meditatio gemeint war: Ständiges Wiederholen, ein Hersagen der auswendig gelernten Worte. Das Auswendiglernen wird nicht wie heute als stupide Übung verstanden, sondern als spirituelle Verinnerlichung. Wie beim Kauen selbst trockenes Brot süß wird, bringt das geduldige Lernen und Vertiefen der Bibel geistige und geistliche Nahrung und Stärkung. Selbst harte und schwierige Texte können Süß werden, wenn wir uns intensiv mit ihnen auseinander setzen, weil sie Wesentliches für das Leben zu sagen haben.

Mose geht es auch um die materielle Vergegenwärtigung des geschriebenen Wortes. Kleine Schriftstücke an den Körper zu binden, an Hals, Hand oder Stirn, ist seit dem 2. Jahrtausend vor Chr. bekannt. (z.B. als magischen Schutz vor Dämonen). Hier geht es nicht um die übernatürliche Macht des Geschriebenen, sondern um seine spürbare und sichtbare Präsens. Bis heute verwenden orthodoxe Juden solche Kapseln beim Gebet oder an Türen und Toren.

Das mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, doch ist sie – ähnlich wie das Wasser bei der Taufe – nichts anderes als ein sicht- und spürbares materielles Zeichen einer geistlichen Wirklichkeit, um die es eigentlich geht: die allgegenwärtige Beziehung zu“diesen Worten“, die Juden mit Gott verbinden.

Vers 20 – 25 

Wenn dich dein Kind morgen fragt: „Was sollen die Normen und die Satzungen und die Rechtsbestimmungenn, die JHWH unser Gott uns geboten hat?“ dann wirst du zu deinem Kind sagen: „Sklaven waren wir für den Pharao in Ägypten, und JHWH tat große und schreckliche Zeichen und Wunder gegen den Pharao und gegen sein ganzes Haus vor unseren Augen. Uns aber führte er von dort heraus, um uns zu bringen, um uns das Land zu geben, das er unseren Vätern zugeschworen hatte. Und JHWH gebot uns, all diese Satzungen zu tun, zu fürchten JHWH, unsern Gott, damit es uns gut gehe alle Tage, und uns Leben zu schenken, wie es am heutigen Tag ist. So wird es Gerechtigkeit sein für uns, wenn wir all dieses Gebot bewahren, es zu tun, vor JHWH, unserem Gott, wie er uns geboten hat“.

Diese Worte sind ein Glanzstück religiöser Pädagogik. Die Frage des Kindes ist offen und konfrontativ. Es bezeichnet JHVH als unseren Gott, sagt aber „Gott hat euch geboten“  – nicht „uns“. Das Kind steht den Eltern gegenüber.

Wie antwortet man auf so eine Frage? Frag nicht so blöd, mach einfach! So nicht, sagt Gott.

In der göttlichen und mosaischen Pädagogik ist die Frage des Kindes hoch geschätzt. Sie spielt eine zentrale Rolle in der Feier des Passahfestes, heute bei uns in der Osternacht.

Die Antwort, die Mose vorschlägt, enthält keinen Befehl. Sie erzählt in aller Kürze die Geschichte der eigenen Gemeinschaft und beginnt nicht bei Rühmlichem sondern an einem Tiefpunkt: „Sklaven waren wir“.

Diese beschämende Erinnerung wird im Judentum nicht verdrängt, sondern gepflegt, weil sie eine grundlegende Motivation für ethisches Handeln ist. Wer einmal selbst gelitten hat, kann mitfühlen und sollte sich nicht kalt stellen gegenüber jenen, denen es jetzt so geht.

Die göttliche Befreiung  im Exodus ist Voraussetzung für die göttlichen Gebote, und die haben eine grundlegende Wirkung, die bis heute spürbar ist. Deshalb bedeutet die Bewahrung der Gebote Gerechtigkeit für uns. Statt Befehle zu erteilen, lädt die Antwort das Kind und uns mit vielen Gründen dazu ein, sich als Teil dieser gemeinsamen Geschichte Israels zu verstehen. Dieses Zusammenfühlen und Zusammengehören ist die innere Motivation dafür, sich mit den Geboten auseinanderzusetzen, auch wenn sie durchaus anstrengend und anfordernd werden können.

Wenn ein Kind nach dem Sinn der Religion fragt, geht es um sensible Fragen der Identität, Selbstbestimmung, dem eigenen Verhältnis zur Gemeinschaft und nach dem Leben überhaupt.

Antworten sollten, so schlägt Mose vor, aus Erfahrung sprechen. Anstatt zu befehlen, sollten sie mit guten Gründen für eine persönliche Entscheidung werben, und dazu einladen, sich tiefer als Teil einer Gemeinschaft zu empfinden.

Karl Schmidt

 

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